Interview auf Gut Aiderbichl mit Michael Aufhauser
Feb 26th, 2010 | By Petra | Category: InterviewsOriginalskript, 20. März 2008
PETRA NEUMAYER: Sie sind gerade zu einem der beliebtesten Promis gewählt worden. Das ist eigentlich das erste Mal, dass das ein Tierschützer ist! Glauben Sie, dass dies auch ein Signal ist, dass es hingeht zu einer neuen Humanität?
MICHAEL AUFHAUSER: Natürlich ist das meine Absicht. Und ich möchte natürlich auf dem Weg, auf jedem Weg, eine breite Öffentlichkeit erreichen mit dem Thema, dass Tiere fühlende Mitgeschöpfe sind, und dass wir eine entsprechende Verantwortung haben. Man kann sagen, dass mir eigentlich viele Mittel recht sind, die Menschen zu erreichen. Wenn es der Sache dienlich ist, dann freue ich mich sehr.
PETRA NEUMAYER: Das glaube ich in jedem Fall!
MICHAEL AUFHAUSER: Ich glaube jetzt nicht unbedingt, dass das Umdenken da so fühlbar näher kommt, aber dass es jetzt fühlbarere Signale gibt als dieses Signal. Aber ich merke, dass viele Millionen Menschen, die all diese Programme schauen und das Thema sehr lieb haben, auch die hier heraufkommen natürlich, oder nach Bayern, dass diese Menschen etwas klar machen wollen. Indem sie zum Beispiel einen Menschen wie mich legendär machen, möchten sie natürlich über meine Person ihre eigenen Gefühle definieren gegenüber Schwächeren, gegenüber Kindern, gegenüber alten Leuten, und auch gegenüber Tieren. Und das ist sehr, sehr positiv. Und sie haben oft nicht die Möglichkeit, so wie ich, ihre innersten Gedanken zu zeigen.
PETRA NEUMAYER: Wir haben gehört, dass Sie an weiteren Standorten expandieren möchten. Also, nicht mehr hier. Da gibt es wohl auch Stress mit den Anrainern?
MICHAEL AUFHAUSER: Es ist so, dass wir in Kärnten eines neues Gut haben, das möchten wir besuchbar gestalten. Dann haben wir acht Höfe, die auch Aiderbichl-Höfe sind. Die sind aber nicht besuchbar, außer jemand hat ein Patentier dort. Und dann haben wir Bayern, das ist besuchbar. Dieser Ort hier, Henndorf, also sozusagen das Original Aiderbichl, liegt sehr idyllisch. Und würde man jetzt nur noch ein Haus dazu bauen, würde die Idylle bedroht sein. Die Kapazität ist eigentlich sogar leicht überschritten, und deswegen möchten wir natürlich auch immer Rücksicht nehmen auf die Anrainer, die dort wohnen. Hier auf diesem einzelnen Gut sieht man bestimmt 500 gerettete Tiere, man hört ihre Geschichten, man hört über Massenzuchten, Massentierhaltung, Tiertransporte, Pelze. Und dann soll immer noch genügend Platz sein, dass man nachdenken kann, und vielleicht stößt man auch ein Umdenken an. Und deswegen soll es lieber mehr Aiderbichl geben als so ein Mega-Aiderbichl. Das finde ich dann schöner und idyllischer, und vielleicht wenn einer hier war, sagt er, dann schaue ich mir das nächste Mal das in Kärnten oder das in Bayern an. Und dann, glaube ich, hat man mehr davon.
PETRA NEUMAYER: Dann habe ich noch gelesen, dass Sie bewirkt haben, dass die Tiere im Land Salzburg Verfassungsrang haben. Was bedeutet das für die Tiere?
MICHAEL AUFHAUSER: In der Verfassung, in dem Fall war es die Landesverfassung des Landes Salzburg, werden oft Tiere nicht erwähnt. In Deutschland steht jetzt in der deutschen Verfassung, dass wir die Verantwortung für die Natur und die Tiere haben. Damit wurde das Wort das erste Mal in einer Verfassung eingeführt. Hier im Land Salzburg hat man jetzt einen ganz großen Passus eingefügt, nach der Familie. Wir haben auch Tiere, wir müssen mit ihnen gut umgehen. Was ist eigentlich ein Verfassungsrang? Das ist die Interpretation der Politik, dass das Volk oder die Bevölkerung wünscht, dass eine Absichtserklärung gemacht wird. Natürlich dauert das Ewigkeiten bis das 1:1 umgesetzt wird. Und natürlich stehen uns ja ganz große Konflikte bevor. Als Sie hier herauf gegangen sind, da haben Sie unten drei Hähne gesehen. Das sind Hähne, wie man sie für die Mast züchtet. Amerikanisches patentiertes Hähnchen. Das wächst in 29 Tagen zu einer enormen Größe heran. Das hat man durch Inzucht und Manipulationen erreicht. Und in 29 Tagen ist das Masthähnchen schlachtreif. Normalerweise bräuchte so ein Hähnchen ein Jahr dazu, um schlachtreif zu sein. Wie erreicht man das? Und da, muss ich sagen, das ist natürlich etwas ganz Schreckliches, 60 % der weltweiten Antibiotika-Produktion geht zur Verfütterung an Masttiere. Und auch unsere Drei würden heute nicht mehr leben, wenn wir ihnen nicht jeden Tag eine hohe Dosis an Antibiotika verfüttern würden. Und da müssen Sie sich vorstellen, dass a) die Leute das nicht wissen, b) fasziniert sind, wenn Sie es erfahren, und dann weiß man auch, dass nicht jeder Hähnchensalat oder jeder Salat mit Putenstreifen gesund ist. Denn Sie nehmen ja dann dieses Antibiotika zu sich.
PETRA NEUMAYER: Das ist klar.
Noch eine Frage zum Vegetarismus. Wir wissen ja, dass Schlachten Angst und Aggressionen auslöst und dass wir mit der Nahrung Hormone mitaufnehmen können. Aber nun gibt es noch einen Aspekt, bei dem mir auch die Idee von biologischer Tierzucht nicht weiterhilft, das ist der Aspekt des Verrats: Die Tiere sind ja ihrem Bauern sozusagen treu untergeben, und er verrät sie letztlich, wenn er sie dann zum Schlachthof fährt, selbst wenn es eben der gute Bio-Bauer ist.
MICHAEL AUFHAUSER: Sie müssen sich Folgendes verinnerlichen, nicht wahr: eine Kuh, ein Kalb, das tagtäglich im Kontakt mit dem Bauern ist, dieses Tier ist sehr beruhigt, wenn die Anwesenheit des Bauern da ist. Das fährt mit ihm auf die Alm, und dann kommt es wieder zurück. Und so wie Sie Ihren Hund einladen und Sie fahren mit ihm irgendwohin spazieren, wird er das nicht als seine letzte Reise ansehen. Und es gibt wirklich Bauern, die ihre Tiere auch zum Schlachter begleiten. Da kommt jetzt diese Verratkomponente dazu. Es ist zwar verboten, aber ich habe von Bauern gehört, die aus diesem Grund das Vieh auf der Weide erschießen.
Sie müssen sich vorstellen, dass wir die Essgewohnheiten der Menschen nicht mit einem Kippschalter umschalten können. Und diese Lösung gefällt mir, dass der Bauer die Verantwortung von Anfang bis Ende hat. Und gibt eine Teilrechtfertigung, dass wir von Tieren, die wir uns deswegen zugelegt haben, auch unsere Ernährung holen. Faktum ist, dass wenn jemand ein Glas Milch trinkt, dann muss er natürlich darüber nachdenken, diese Milch nimmt er einem Kalb weg. Denn das Kalb bekommt Milchaustausch, und die Milch geht an den Menschen.
Es ist eine ganz, ganz schwierige Geschichte.
Ich habe jetzt vorhin, vor einer halben Stunde, den Anruf eines Bauern bekommen, der kein Tier mehr verkaufen kann und will, und nahe einem Nervenzusammenbruch ist. Der hat 47 Rinder und bat mich, dass er mir seinen Hof übereignen könnte. Ich kann mir das vorstellen, da geht es um Leben, nicht um eine Stradivari. Aber wenn jemand eine Stradivari gebaut hat, hat er sich sicherlich sehr schwer von der verabschiedet, um zu überleben. Aber da geht es noch um viel mehr. Denn, wie Sie schon richtig sagen, das sind uns Schutzbefohlene. Und sie vertrauen uns. Und das ist sicherlich ein schwerer Beruf für einen sensiblen Menschen. Auch der Bio-Bauer hat sicherlich Probleme. Weil, Sie müssen sich ja vorstellen, die Rinder, die der Bio-Bauer hat, die haben ja ein Leben zu verlieren. Somit hängen sie noch mehr an ihrem Leben, wie Rinder, die in engen Boxen oder gar angekettet ein Leben lang dagestanden haben. Die vielleicht gebrochen sind und aufgegeben haben. Deswegen habe ich auch Gut Aiderbichl gebaut. Damit man darüber nachdenken kann, wenn man ihnen begegnet. Und wir haben einige Rinder, Stiere, und natürlich die jungen Tiere sind meistens nahbar, die zeigen dem Menschen, was sie drauf haben. Und wir brauchen uns nicht belügen. Ein Hund, eine Katze ist nicht viel intelligenter, wenn überhaupt, wie ein Rind, ein Schwein, eine Ziege.
PETRA NEUMAYER: Ja, die schauen halt nur kuscheliger aus.
MICHAEL AUFHAUSER: Aber wir sind wirklich in einem Dilemma. Ich habe neulich gelesen, Palmöl kommt aus Sumatra. Um diese Palmölplantagen zu bauen, und das Palmöl ist ja zum größten Teil für biologische Läden bestimmt, hat man die Heimat der Orang Utans ausgerottet. Wir wollen es gut meinen, wir versuchen diesen Weg zu gehen. Ich glaube, das einzige was uns bleibt ist letztendlich ist, dass wir so integer wie möglich handeln, dass wir bei allem was wir tun, Rücksicht und auch Interesse zeigen. Ich habe gerade eine Kolumne geschrieben, dass man vermutet, dass in England 50 % der Lebensmittel weggeworfen werden. Da ist auch schon ein ganz wichtiger Ansatz. Oder in Holland waren es in einem Jahr Lebensmittel im Wert von 3 Milliarden, die weggeworfen werden. Der Ansatz beginnt schon viel früher als bei den entscheidenden Fragen.
PETRA NEUMAYER:Jetzt hätte ich noch eine letzte Frage.
MICHAEL AUFHAUSER: Sie können so viel fragen, wie Sie wollen.
PETRA NEUMAYER: Ich könnte Ihnen auch den ganzen Tag zuhören… Als Sie die Idee hatten zum Gut Aiderbichl, woher kam die?
MICHAEL AUFHAUSER: Das gehört ja alles zusammen, man muss die Zeit haben, über die Gründung von Gut Aiderbichl nachzudenken, und dann muss man den Ort erst finden, und dann braucht man obendrein noch das notwendige Geld.
Aber es war eben ein Volltreffer, dieses Gebiet zu finden, das Geld zu haben, und anfangen zu können, zu bauen. Davor passierte mir, was vielen Menschen passiert: Ich habe, ich kann sagen, 40 Jahre meines Lebens nur an mich gedacht. Und habe immer über mich nachgedacht, über das, was ich möchte, und war egoistisch, und vielleicht nicht einmal besonders kalt. Aber ich hatte zum Beispiel nie darüber nachgedacht, aus was eine Gänsestopfleber gemacht wird, deswegen habe ich sie auch gegessen. Als ich es erfuhr, habe ich sofort damit aufgehört. Aber ich bin im Tourismus tätig, war ich auf vielen Kontinenten, und mir sind Bettelkinder zum Beispiel in Marrakesch oder in Lima oder so, mehr wie eine Kulisse aufgefallen. Die Hintergründe habe ich geglaubt, haben mich nicht zu interessieren. Als ich dann Interesse an den Hintergründen bekommen habe, geschah das nicht über Nacht. Man geht plötzlich durch die gleiche Stadt, durch die gleichen Straßen, zum gleichen Platz, und sieht dann plötzlich ein Schicksal, ein Kind liegt auf einem Pappkarton neben einem Auto und schläft. Und dann gehen Sie wieder in ihr Luxushotel, gesichert und was weiß ich, und dann schauen Sie sich die Weltnachrichten an und schalten sie aus, starren zur Decke und denken darüber nach, warum, warum ist der so arm. Wer schützt ihn. Und so hat es angefangen.
Und dann habe ich in Malaga gesehen, wie man Straßenhunde vergast hat. Das hat mir dann die Zusammenhänge erklärt, nicht wahr. Wie gehen wir Menschen mit Schwächeren um, mit Kindern. Auch mit dieser Vergasungsstation in Malaga, wo so viele Menschen, Millionen jeden Tag, Urlaub machen, und hinfahren und so weiter, und kein Mensch interessiert sich für deren Schicksal. Und dann habe ich irgendwie sehen gelernt. Und dann kam auch der Wunsch, meine Expertise, die ich in den Jahren der Industrie gesammelt habe, verwertbar zu machen für diese Thematik, wie gehen wir mit Schwächeren um. Und Gut Aiderbichl ist, wenn, ein „Gnadenhof“, sagen wir es einmal apostrophiert, dann ist es ein Gnadenhof, der etwas bewirken möchte, nämlich den besseren Umgang mit Schwächeren. Die Profiteure, sagen wir mal, die diesen Gedanken mit nach draußen nehmen, sind Menschen. Aber es hängt ja alles vom Menschen ab. Das Wort Tierschutz sagt eigentlich alles aus. Wir schützen die Tiere nicht vor einem Erdbeben, nicht vor einem Tsunami, wir schützen sie vor uns Menschen. Da müssen wir etwas ändern. Damit wir in der Lage sind, einen Schutz zu kreieren für hilflose, stimmlose Lebewesen. Und wir haben erst etwas geändert, wenn wir uns geändert haben. Das ist ein Ort, wo man anfangen kann, sich zu ändern.
PETRA NEUMAYER: Vielen Dank für das Interview!

















